Ökologie

„In den großen Städten sind urbane Fließgewässer häufig die ersten Berührungspunkte mit der Natur. Als erlebbare und erlernbare Natur (Grünes Klassenzimmer) sind sie daher in der städtebaulichen und wasserwirtschaftlichen Planung berücksichtigt. Düssel und Rhein werden wieder zu fühlbaren Lebensadern der Stadtlandschaft und treten als die historischen Wurzeln der Stadt und ihrer Geschichte sichtbar und bewusst gestaltet zutage.“
(Dr. Lisa Schülting, BOKU Wien)

Gewässerrenaturierung und Ökosystemleistungen: Weltweite Herausforderungen, wie die zunehmende Urbanisierung, der Klimawandel und der demografische Wandel erfordern eine Stadtentwicklung und Landschaftsarchitektur, die die Wohlfahrtswirkung natürlicher Lebensraumstrukturen integriert und fördert. Neben den Grünflächen kommt den Wasserläufen, Seen und Teichen dabei eine besondere Bedeutung zu. Gewässer sind die Lebensadern der Landschaft, prägen das Bild von Städten und bieten zahlreiche Ökosystemleistungen für den Menschen: Versorgungsleistungen (Wasser, Nahrung, Rohstoffe, genetische Ressourcen, Biodiversität), Regulierungsleistungen (Selbstreinigung der Fließgewässer, Bodenbildung, Photosynthese, Nährstoffumsatz, Hochwasserrückhaltung, Klimaregulierung), kulturelle Leistungen (Gesundheit, Freizeit und Erholung, Sport, Kunst, Umwelt-Bildung). Durch den Einbau gewässertypischer Strukturen, der Förderung typgerechter Ufervegetation sowie der Gestaltung naturnaher Ufer wird die ökologische Wirksamkeit im Blaugrünen Ring verbessert. Letztere erleichtert außerdem den Zugang an das Wasser und begünstigt so die Freizeitnutzung. Fließgewässer besitzen ein enormes Potential als Erholungs- und Erlebnisraum, wenn man ihnen ausreichend Platz lässt. Entsprechend sollen Düssel und Rhein für die Menschen sichtbar, erlebbar und zugänglich sein. FLOW ermöglicht dies durch die Schaffung flacher Uferbereiche, Treppen oder Sitzstufen, die einen Zugang zum Wasser ermöglichen. Gerade für Kinder und Jugendliche stellen Gewässer einen wichtigen Erlebnis- und Bildungsort in der Stadt dar, da sie immer seltener mit der Natur in Berührung kommen.

 

Ökologische Vernetzung von Rhein und Düssel: Auch urbane, regulierte Fließgewässer sind Lebensraum für Tiere und Pflanzen. Trotz beengter Platzverhältnisse können durch eine gezielte Gestaltung innerhalb des Querprofils – Öffnung von Sohlabpflasterungen und Randbereichen – und durch Bereitstellung besiedlungsrelevanter Strukturen wichtige Trittsteinhabitate und Elemente zur Förderung der Ökosystemvernetzung geschaffen werden. In Abhängigkeit der lokalen Gegebenheiten können diese mehr oder weniger stark baulich/technisch, eigendynamisch entfaltbar und/oder gestalterisch ausfallen. Generell hängen die Dauer einer Wiederbesiedlung und der ökologische Erfolg einer Renaturierung stark von der Verfügbarkeit und Entfernung „funktionierender“ Habitate und deren besiedelnden Populationen ab. Die Düssel im Projektgebiet (OFWK 275132_0; 275134_0;) und weiter flussauf ist geprägt durch Urbanisierung – strukturell verarmt, begradigt, befestigt, eingefasst, fehlende Beschattung durch Ufervegetation, unter die Erde verlegt, stoffliche Belastung. Entsprechend ist sie als „erheblich verändertes Gewässer“ mit ökologisch „schlechtem Zustand“ eingestuft (Stand: 2013). Im Gegensatz dazu ist die Düssel flussauf von Erkrath als „natürliches Gewässer“ im „mäßigen Zustand“ beurteilt worden. Die ökologische Zustandsbewertung auf Basis des Makrozoobenthos (Wirbellosenfauna) wurde hier als „gut“ bemessen. Das ist für eine Wiederbesiedlung innerhalb des Projektgebiets von Vorteil, da somit eine Spenderpopulation vorliegt. Die Naturschutzflächen im Düsseltal und dem Neandertal zwischen Haan und Erkrath sind als Fauna-Flora-Habitat gemäß der Richtlinie 92/43/EWG innerhalb des Verbundnetzes Natura 2000 ausgewiesen. Eine Verbesserung der ökologischen Funktionen durch Offenlegung und Strukturierung der Düssel stellen somit im Projektgebiet eine wichtige Trittstein-Funktion zwischen der Rheinmündung und dem relativ naturnahen Oberlauf dar.

Dort wo genügend Platz zur Verfügung steht (Hofgarten), wird ein Fokus auf die Uferbereiche gelegt, da Uferrandstreifen (Fläche zur eigendynamischen Entwicklung) als besonders effiziente Maßnahmen gelten. Flache, naturnahe Ufer erfüllen ökologisch wichtige Funktionen für Arten, die einen Land-Wasser-Übergang im Laufe ihres Lebenszyklus benötigen, wie die meisten im Gewässer vorkommenden Insekten. Da eine eigendynamische Entwicklung im Projektgebiet größtenteils nicht realisierbar ist, wird durch Öffnung und Strukturierungen der Bachsohle eine Verbesserung i.S. der Ökologie erreicht, auf Grund der Variabilität des Fließmusters. Diese wirkt sich nicht nur auf die Ökologie aus, sondern kann auch gestalterisch eingesetzt werden. Mündungsbereiche stellen aus ökologischer Sicht besondere Bereiche dar, da sie unterschiedliche Ökosysteme und deren Populationen vernetzen. Somit erfüllen sie wichtige Funktionen, unter anderem als Refugialhabitat und Wanderkorridor. Daher wird eine naturnahe Gestaltung der Düsselmündung zumindest in einzelnen Bereichen empfohlen, um eine ökologische Vernetzung zwischen Rhein und Düssel zu ermöglichen. Die Vielzahl an Wehren stellt insbesondere ein Problem für die Besiedlung durch Fische aus Nebenarmen und Rhein dar. Eine Herstellung des Längskontinuums zwischen Rhein und Oberlauf ist daher aus ökologischer Sicht dringend umzusetzen. Sollten Wanderhindernisse im Projektgebiet vorhanden sein, wäre es zu erwägen, ob ein Fischaufstieg nicht auch gestalterisch/künstlerisch und trotzdem ökologisch funktionstüchtig umgesetzt werden könnte. Verrohrte Abschnitte könnten gezielt unterirdisch begehbar gemacht werden (begehbarer Schacht), sodass der Unterschied zw. natürlichen/naturnahen und künstlichen/unterirdischen Abschnitten „sichtbar“ gemacht wird