Kulturraum

„Im Blaugrünen Ring fällt Kunst im öffentlichen Raum in eins mit Stadtentwicklung: der Stadtdurchschreitende kann sich auf einen fließenden Rundgang durch die Stadt begeben und erlebt dabei, wie sich der Mensch mit dem Stadtraum über Kunst, Kultur, Architektur und Natur verbindet. So entsteht ein Flow of Ideas, aus einer Kulturstadt wird eine städtische Kulturlandschaft.“ (SEEHOF)

Nach was suchen wir, wenn wir von einer erlebbaren Stadt- und Kulturlandschaft sprechen und welche Rolle übernimmt dabei die Kunst in Verbindung mit der Gestaltung des öffentlichen Raums? Der internationale Wettbewerb „Blaugrüner Ring“ markiert für Düsseldorf die Zeit für eine neue Entwicklungsstufe. Die dort ansässigen Kulturikonen sind trotz ihrer räumlichen Nähe zueinander im Stadtbild als Solitäre verankert und fügen sich nicht zu einem ganzheitlich erlebbaren Bild zusammen. Hinzu kommen übergeordnete gesellschaftliche Trends, ein Rückzug der Menschen aus dem öffentlichen Raum, eine fehlende Begegnung und Orientierung, ein unzureichender gesellschaftlicher Diskurs, eine Erstarrung. Es ist an der Zeit, die Stadt als lebendigen Organismus zu begreifen und diesen in seiner vollumfänglichen Komplexität neu zu denken und zu gestalten. Das Wasser und das Spiel mit ihm dient hierbei als Energie- und Ideengeber für Düsseldorf. Es wird zum Themengeber und Medium von künstlerischen Inszenierungen, aber auch Quell von Lebensqualität. Dort, wo Wasser ist, entsteht neues Grün – Blau und Grün bedingen sich gegenseitig. Das Konzept bezieht Kunst- und Kulturbetriebe in die Neugestaltung des Blaugrünen Rings mit ein – temporäre und dauerhafte Interventionen schaffen einen Fluss immer neuer Eindrücke und stärken die Erlebbarkeit von Düssel und Rhein. Lokale Identität und Verbindung hinaus in die Welt werden dadurch gleichermaßen symbolisiert. Der Rhein als mythologischer Strom Europas fließt nicht länger an der Stadt vorbei, sondern durchströmt sie. Der physische Flow im Gelände wird erlebbar als Strom der Ideen, der einzelne kreative Stätten miteinander verbindet und Festgefahrenes in Bewegung bringt. Kunst wird hier eingeführt als Katalysator für Stadtentwicklungsprozesse. Sie bringt den Ort in eine experimentelle Versuchsanordnung, die durch das Ereignis der Kunst eine neue Wirklichkeit für die Wahrnehmung und Nutzung des Blaugrünen Rings schafft.

Kunst besitzt nicht nur die Kraft, die Welt noch schöner oder dekorativer zu machen oder gar ein Netz über ein komplexes Gespann zu werfen; Kunst kann leiten, bringt Orte miteinander in Verbindung, eröffnet neue Sichtweisen und Erfahrungen. Sie stiftet Anlässe für Kommunikation – einzigartige, nicht aus dem üblichen Kommerz entstandene „Content-Kerne“. Ziel des Wandlungsprozesses ist die Schaffung gelungener Aufenthalts- und Begegnungsorte durch Freilegung vorhandener Ressourcen, die reale Verknüpfung und Verbindung von Orten sowie Menschen und Institutionen. Die Kunst gibt hierbei jedem die gleiche Chance Erkenntnis, Glaube, Erfahrung sowie Inspiration daraus zu ziehen. Das Freilegen der vergessenen Flussläufe und das Sichtbarmachen des „FLOWs“ entsteht im Sinne eines kuratierten Gesamtkunstwerkes: Stadtplanung, Architektur, Freiraum- und Verkehrsplanung, Gewässerökologie und bildende Kunst arbeiten hierbei von Beginn an Hand in Hand, um Neues zu schaffen. Das Wasser macht den Blaugrünen Ring als Ganzes sowohl auf einer intellektuellen als auch räumlichen Ebene erfahr- und nachvollziehbar. Es vernetzt die Orte und Institutionen miteinander (ober- und unterirdisch) und verweist auf die Geschichte der Stadt, die dort üblichen Auenlandschaften und die herausragende Gartenkunst Maximilian Weyhes. Der Kulturraum FLOW ebnet den Weg in eine Zukunft, die eine Dualität von Stadt und Natur aufhebt und nutzt hierfür das Potential der vorhandenen Fließgewässer, um Erholungs- und Erlebnisräume zu schaffen. Nicht nur im Zusammenhang mit der Neugestaltung des Blaugrünen Rings, sondern insbesondere auch im Hinblick auf die Herausforderungen zukünftiger Stadtgesellschaften stellt die kulturelle Bildung eine der wichtigsten Aktivitäten dar, die es über den neu entstehenden Rundgang durch eine einzigartige Flanier- und Kulturlandschaft zu fördern gilt: FLOW – Ideas never stop

 

 

Der Blaugrüne Ring: Eine Stadt braucht Ikonen: Auf der inhaltlichen Grundidee der immerwährenden Vorwärtsbewegung ist der Rundgang aufgebaut. Er verbindet Museen, Konzertsäle, Kunstakademie, Bühnen und Galerien zu einem räumlich zusammenhängenden urbanen Ensemble. In ihm löst sich der statische Charakter des Areals auf. Es entsteht ein kontinuierlicher und mit seiner Umgebung vernetzter Fluss immer neuer Eindrücke und Inspirationen, in den die Kulturinstitutionen wie „Trittsteine“ eingebettet sind. Die kuratorische Aufgabe besteht darin, im Diskurs mit Künstlern, Architekten, Freiraumplanern, Ökologen und Verkehrsplanern besondere Potentialräume für temporäre und dauerhafte künstlerische Interventionen innerhalb des Planungsgebietes zu identifizieren und programmatisch mit der Sichtbarkeit der Wasserbeziehungen zu besetzen. Welche Orte bedürfen einer Akzentuierung, einer Belebung, einer Erinnerung, einer Umwidmung durch Kunst und Kultur, wo will man das Potential der Kulturinstitutionen und mögliche Kooperationen untereinander im Außenraum durch temporäre Ereignisse, wo hingegen durch dauerhafte Installationen stärken? Die Kunst ist „responsive“ im ureigentlichen Sinne, sie entsteht für gewisse Orte im Auftrag der Stadtgesellschaft. Dieser Ansatz geht von einer tatsächlichen Untersuchung der Stadt und den Bedürfnissen ihrer Bewohner aus. Der Analyse folgt ein sensibler Umgang mit dem Vorhandenen, um dann Zusammenhänge herzustellen. Bei der Ausdeutung der neuralgischen Punkte werden die geäußerten Wünsche der einzelnen Kulturinstitutionen sehr ernst genommen, denn die Düsseldorfer Kunsttradition ist die starke Ressource vor Ort.

 

 

 

 

Der Rundgang beginnt bei einer neu entstehenden und begehbaren Ikone, die sich am Ufer vor dem NRW-Forum über dem Wasser erhebt – der goldene Ring am Rhein. Eine großartige Brücke und Freitreppe, die dem Spiel des Wassers jeden Lauf lässt, um als Gezeiten-Spektakel, Freilichtbühne oder einfach Plateau zu dienen und gleichzeitig in seiner ikonischen Form als neues Wahrzeichen und Sinnbild des FLOWs für Düsseldorf Kraft zu entfalten. Der Ort steht in einer antiken Tradition des Versammlungsortes einer Stadtgesellschaft, der demokratischen Prozessen dient, der Diskussion, der Kunst, der politischen Verhandlung, der Kunsttradition, der Versammlung der Zivilgesellschaft und der Begegnung mit dem offenen Naturraum unter freiem Himmel als Inbegriff der Freiheit. Besonders spannungsvoll erscheint der Ort des bestehenden Fortuna Büdchens, an dem die Stadtgesellschaft zusammenkommt. Weitere Maßnahmen entlang des Ufers beinhalten die Stärkung und Inszenierung der drei Mündungspunkte der Düssel in den Rhein. Neben dem goldenen Ring markiert ein inszenierter Wasservorhang den nördlichen Mündungspunkt und nimmt Bezug zum historischen Hafenbecken an dieser Stelle.

Der Ehrenhof wird einem sanften ‚Relaunch‘ unterzogen und darf ein Ort für die Inszenierung weiterer, dauerhafter Skulpturen namhafter Düsseldorfer Künstler werden, um der Bedeutung der Düsseldorfer Kunsthochschule auch im Außenraum noch mehr zu huldigen und sie öffentlich sichtbar zu machen. Durch den Anschluss des Ehrenhofs über die Tonhalle hinweg mit dem Areal der Kunstakademie entsteht ein großer, bedeutsamer öffentlicher Campus in Verbindung mit dem Hofgarten. Das geplante Fotoinstitut ergänzt das neu geformte Quartier hochkarätiger Kultureinrichtungen. Ein neuer Platz erwächst, eine Agora, ein Kunstquartier, das von allen umliegenden Kulturinstitutionen auch im Dialog untereinander und mit Nachbarschaftsprojekten für temporäre Kulturveranstaltungen genutzt werden kann. Gegenüber der Akademie entsteht ein Gebäude mit Ateliers und Werkstätten. Durch eine großzügige, ebenerdige Verbindung zum Hofgarten werden Einblicke in den Schaffensprozess der Künstler möglich. Das Werkstattgebäude dient zugleich als Tribüne mit Blick auf die Akademie und einen neu gefassten Freiraum.

Die Wegeführung durch den Hofgarten ist flexibel gestaltet und wird durch bestehende und neue Wasserläufe geleitet. Im Vordergrund steht die Begegnung mit bereits vorhandenen Kunstwerken und dem historischen Landschaftsgarten. Diese sind eingebettet in ein kulturell aufgeladenes Wegeleitsystem, welches eine bessere Orientierung innerhalb des Gartens und der dort verorteten sowie angrenzenden Kulturinstitutionen ermöglicht. In direkter Nachbarschaft zum Grabbeplatz und Hofgarten befindet sich die Oper am Rhein an einem bedeutsamen städtebaulichen Schnittpunkt des Blaugrünen Rings. Das neue großzügige und durchgrünte Foyer ist sowohl Innen- als auch Außenraum und stiftet vielfache inhaltliche und räumliche Zusammenhänge, die durch dauerhafte Kunstwerke (Wolkenfoyer) an dieser Stelle erlebbar werden und gleichermaßen auf die unmittelbaren angrenzenden Kunstinstitutionen K20 und Kunsthalle Düsseldorf verweisen. Lineare Wasserobjekte, die aus der Freilegung der verrohrten Düssel entstehen, ziehen sich von der Oper über den Grabbeplatz bis zum Einmündungspunkt der Düssel in den Rhein. Sie schaffen eine Ablesbarkeit und Sichtbarmachung des Düssel-Laufs vom Hofgarten durch die Mühlenstraße hin zum Burgplatz und stärken somit eine gestaltete fühlbare Lebensader und Orientierungshilfe innerhalb der Stadtlandschaft.

Ein weiterer Zirkel aus Wasser, der vorhandene und neue Orte miteinander verbindet, entsteht.

 

Die Königsallee mit ihrem charakteristischen Stadtgraben und eindrucksvollem Baumbestand gilt als wichtiges Kulturdenkmal und Wahrzeichen Düsseldorfs und ist international als eine der führenden Einkaufsstraßen in Europa bekannt. Als markantes Symbol tritt an dieser Stelle der Tritonbrunnen als Point de vue und Ikone hervor. Die Düssel fließt hier parallel zum Rhein, neue Treppenelemente machen das Ökosystem Königsallee gezielt und punktuell zugänglich. Die Neugestaltung des Graf-Adolf-Platzes ist für das FLOW-Kontinuum von besonderer Bedeutung. Als Gelenk zwischen den zwei Atmosphärräumen „Allee“ (Flanieren und Konsum) und „Bastion“ (Kunst- und Kulturgenuss sowie Aufenthalt am Wasser) ist der Platz als Durchgang und Ort des ständigen Transits von Fußgängern, Fahrrädern und Autos definiert. Um die Ablesbarkeit des Platzes und eine Orientierung vor Ort zu stärken, wird der südliche Abschluss der KÖ mit einem neuen Wasserplatz markiert. Dieser dient als urbane Interaktionsfläche, die sich in Abhängigkeit der jeweiligen Wetterverhältnisse verändert. Das Wasser der Düssel und die darin befindliche Tierwelt bahnt sich nun unterirdisch ihren Weg von der KÖ in den Schwanenspiegel. Der Aspekt der Passage wird durch eine weitere künstlerische Intervention aufgegriffen. Insbesondere das Medium „Sound“ hat sich im offenen Stadtraum über verschiedene dauerhafte und temporäre Interventionen an Transitstellen bewährt, um diesen Orten eine Neuausrichtung und Umwidmung zu ermöglichen. Als Ideengeber und Akteur ist neben den Kunstmuseen vor Ort auch die Oper am Rhein denkbar.

Versteckt und fragmentiert liegen die Freiräume Schwanenspiegel und Spee’scher Graben bisher im Stadtraum. Durch die neue Verkehrsführung der westlichen Haroldstraße und die Reduktion der bisherigen Trasse zur Straßenbahnlinie können nun endlich diese beiden Seenflächen oberirdisch wieder miteinander verbunden werden. Die zusammenhängenden Wasserflächen sind sowohl für temporäre als auch dauerhafte künstlerische Interventionen spannend und bilden zusammen mit den angrenzenden Kulturinstitutionen im Blaugrünen Ring einen wichtigen Anzugsort der Kunst. Als neuralgischer Punkt wird ebenso der Vorplatz des Ministeriums für Wirtschaft, Innnovation, Digitalisierung und Energie des Landes NRW angesehen, der nicht nur den Anschluss an das KIT und die beliebte Apollowiese herstellt, sondern auch eine Verortung und Sichtbarmachung des kontinuierlichen Ideenflusses als Innovationsquelle in Düsseldorf ermöglicht. Entlang des Ufers finden sich zwei weitere Einmündungspunkte der Düssel am Alten Hafen und Burgplatz. Auch dort soll das Zusammenfließen der beiden Fließgewässer inszeniert und sichtbar gemacht werden:

regionales trifft europäisches Wasser, Nähe trifft Freiheit!

Wir feiern in Düsseldorf nicht nur die Kunst (wie in Bilbao), nicht nur die Musik (wie in Hamburg oder Sydney), nicht nur die Gartengestaltung (wie in Versailles oder Potsdam) und nicht hauptsächlich technische Höchst-Leistungen (wie in Dubai). Jede Betonung eines dieser Inhalte würde den anderen Einrichtungen innerhalb des Planungsgebietes Aufmerksamkeit stehlen oder inhaltliche Zwänge auferlegen. Was wir in Düsseldorf feiern ist vielmehr die allen kulturellen und Fortschritt fördernden Innovationen zugrundeliegende Triebkraft: Die Kreativität. Das lässt jeder vorhandenen Institution ihren Platz und lädt sie zur Öffnung, zur Zusammenarbeit und zur kontinuierlichen Weiterentwicklung ihrer jeweils eigenen Identität ein. Das passt hervorragend zur Geschichte der Stadt als Keimzelle großer Kunst, genauso wie medial-popkultureller Ausdrucksformen von Musik über Mode bis Werbung und Medien. Das passt aber auch zur Innovationskraft der in Düsseldorf ansässigen Unternehmen, der Bildungseinrichtungen, der Politik und der Zukunftsorientierung der Stadt insgesamt bis hin zur Integration neuer digitaler Möglichkeiten und urbaner Lebens-Modelle. Diesen Gedanken haben wir in einer Formel kondensiert. Sie lautet: Ideas never stop. „Immer im Fluss“ soll auch die Bespielung des gesamten Areals sein, das sich auch unter Einbeziehung der Bürger ständig kollektiv weiterentwickelt und mit sich wandelnden, zeitbezogenen Attraktionen zur dauerhaften Bühne für künstlerische Auseinandersetzungen wird. So entsteht ein Experimentierfeld für immer neue Strömungen und urbane Lebensformen.